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Schatten-IT aufnehmen, ohne jemanden vorzuführen.

Bevor Sie ein System ablösen, müssen Sie wissen, was es alles ersetzen soll. Das steht nicht im ERP. Es steht auf Laufwerken, in Postfächern und in einem Ordner im Regal.

BestandsaufnahmeLesezeit 9 Minuten

Ein Befund, keine Schuld.

Schatten-IT ist alles, was fachlich gebraucht wird und technisch nie vorgesehen war: die Tabelle, in der die Fertigungsreihenfolge geplant wird, obwohl das ERP eine Feinplanung hat. Die Access-Datenbank für Werkzeugstandzeiten. Das Makro, das aus dem Standardbericht die Liste macht, die der Einkauf wirklich braucht. Der Zettel am Monitor mit den drei Kundennummern, bei denen eine Sonderregel gilt.

In den Projekten, die ich gesehen habe, ist keines dieser Dinge aus Nachlässigkeit entstanden. Sie sind entstanden, weil jemand einen Auftrag hatte und das vorgesehene System ihn nicht abgebildet hat. Jede dieser Dateien ist damit ein sehr genaues Dokument: eine Anforderung, die gestellt, nie umgesetzt und trotzdem erfüllt wurde. Von einem Sachbearbeiter mit Feierabend statt von einem System mit Wartungsvertrag.

Daraus folgt die wichtigste Regel für die Aufnahme: Sie ist keine Prüfung. Wer sie als Kontrolle ankündigt, bekommt die Hälfte zu sehen und die unwichtigere Hälfte dazu. Was Sie suchen, ist nicht der Regelverstoß, sondern die Lücke, die ihn nötig gemacht hat. Dieselbe Haltung liegt der Prozessanalyse in Phase 01 zugrunde.

Was dazugehört.

Die meisten Bestandsaufnahmen enden bei Excel. Damit fehlt der Teil, der später die Überraschungen liefert. Acht Formen, die Sie mitnehmen sollten.

  • Tabellen
    Excel, Calc, Google Sheets. Die häufigste Form und die mit den meisten Regeln darin: Rabattstaffeln, Zuschläge, Rundungen, Ausnahmen für drei Kunden.
  • Kleine Datenbanken
    Access, FileMaker, gelegentlich etwas Selbstgebautes. Meist vor langer Zeit gebaut, oft von jemandem, der nicht mehr im Haus ist.
  • Makros und Skripte
    VBA in der Arbeitsmappe, eine Batch-Datei in der Nachtverarbeitung, ein PowerShell-Skript, das einen Export umbaut. Läuft, bis es einmal nicht läuft.
  • Papier und Formulare
    Laufzettel, Prüfprotokolle, der Ordner mit den Sonderabsprachen. Papier ist kein Versehen, sondern oft der einzige Weg, der auf dem Hallenboden funktioniert.
  • Fremde Dienste
    Ein Aufgabenbrett im Netz, ein geteilter Cloud-Ordner, eine Gruppe im Messenger, über die der Schichtplan läuft. Daten außerhalb Ihres Hauses, ohne Vertrag.
  • E-Mail als Ablage
    Postfachregeln, Unterordner je Kunde, der Posteingang als Vorgangsliste. Funktioniert genau so lange, wie die Person im Haus ist.
  • Geräte am Rand
    Maschinenterminal, Waage, Messmittel, Etikettendrucker mit eigener Datenhaltung. Wird bei Bestandsaufnahmen regelmäßig übersehen.
  • Wissen im Kopf
    Die Regel, die nirgends steht, weil jeder sie kennt. Sie zählt dazu, denn sie fällt mit der Person aus.

Die Aufnahme in fünf Schritten.

Die Reihenfolge ist nicht beliebig. Schritt 1 entscheidet darüber, wie ehrlich die Schritte 2 bis 4 ausfallen, und Schritt 5 ist der einzige, bei dem bewertet wird. Vorher wird nur aufgenommen.

Schritt 1

Rahmen setzen und ankündigen

Die Ankündigung kommt von der Geschäftsführung, nicht von der IT.

Kommt die Ankündigung aus der IT, lesen die Fachbereiche sie als Revision. Kommt sie von der Geschäftsführung und enthält sie den Satz oben, lesen sie sie als Verbesserungsversuch. Dieser Unterschied entscheidet darüber, wie vollständig das Ergebnis am Ende ist.

In die Ankündigung gehören vier Angaben: was aufgenommen wird, in welchem Zeitraum, wer die Gespräche führt, und was mit dem Ergebnis geschieht. Ein Zeitfenster von zwei Wochen ist ein brauchbarer Anfang; länger, und die Aufnahme verliert sich im Tagesgeschäft.

Schritt 2

Festlegen, wen Sie fragen

Abteilungsleiter kennen die Vorgabe. Die Behelfe kennen andere.

Fragen Sie je Bereich zwei Personen: eine, die den Vorgang verantwortet, und eine, die ihn täglich ausführt. Wo beide dasselbe sagen, ist der Prozess stabil. Wo sie auseinandergehen, liegt die interessante Stelle.

Regelmäßig übersehen

  • Auszubildende und Aushilfen: sie arbeiten nach Anleitung und kennen deshalb jeden Behelf beim Namen.
  • Urlaubsvertretungen: wer zwei Arbeitsplätze abdeckt, kennt auch zwei Wege zum selben Ergebnis.
  • Der Kollege, der sich mit Excel auskennt: oft der Urheber eines guten Teils der Liste.
  • Instandhaltung und Qualitätssicherung: führen häufig die ältesten und die genauesten Aufzeichnungen.
  • Versand und Wareneingang: arbeiten an der Schnittstelle zum Kunden und improvisieren entsprechend viel.
  • Buchhaltung: kennt jede Abweichung, weil sie am Ende dort auffällt.
Schritt 3

Am Arbeitsplatz fragen, nicht per Mail

Lassen Sie sich den Vorgang zeigen, statt ihn beschreiben zu lassen.

Ein verschickter Fragebogen liefert den Vorgang so, wie er gedacht ist. Ein Gespräch am laufenden Rechner liefert ihn so, wie er läuft. Der Unterschied sind genau die Zwischenschritte, die später das Projekt kosten: das Zwischenspeichern, das Nachpflegen von Hand, die zweite Datei, in die kurz hineingeschaut wird.

Rechnen Sie mit 20 bis 30 Minuten je Gespräch. Bitten Sie darum, den Vorgang einmal vollständig vorzuführen, und unterbrechen Sie dabei nicht. Fragen kommen danach.

Schritt 4

Belege sammeln statt Beschreibungen

Zu jedem Eintrag gehören Pfad, Dateiname, Änderungsdatum und ein Name.

Eine Notiz wie „Einkauf plant mit einer Excel-Datei“ ist in drei Monaten wertlos. Brauchbar ist der volle Pfad, der Dateiname, das Datum der letzten Änderung, ein Bildschirmfoto der wesentlichen Ansicht und die Person, die Auskunft geben kann. Wo eine Datei Regeln enthält, kopieren Sie die Formel mit heraus.

Daneben läuft die technische Seite: ein Suchlauf über die Netzlaufwerke nach den einschlägigen Endungen, sortiert nach letztem Zugriff. Er findet, was in keinem Gespräch genannt wurde, und er findet vor allem die Dateien der Kollegen, die nicht mehr im Haus sind.

  • Endungen für den Suchlauf: xls, xlsx, xlsm, accdb, mdb, bas, vbs, ps1, cmd, sowie csv-Ablagen mit festen Namen.
  • Sortierung nach letztem Zugriff, nicht nach Erstellungsdatum.
  • Faustregel, keine Messung: Was seit sechs Monaten niemand geöffnet hat, ist ein Kandidat für „nicht mehr in Gebrauch“. Nur ein Kandidat: Jahresabschluss, Inventur und Audit laufen einmal jährlich.
Schritt 5

Einsortieren und entscheiden

Jetzt erst wird bewertet, und zwar in vier Fächer.

Die Sortierung machen Sie gemeinsam mit den Personen, die Auskunft gegeben haben, nicht über deren Kopf hinweg. Wer seinen Behelf im Fach „Übernehmen“ wiederfindet, wird beim nächsten Schritt mitarbeiten. Die vier Fächer stehen unten.

Der Fragebogen.

Zwölf Fragen, in dieser Reihenfolge, je Behelf. Sie sind so gebaut, dass sie ohne Vorbereitung beantwortbar sind und trotzdem alles einsammeln, was Sie später für eine Anforderung brauchen.

  1. 01Was machen Sie mit dieser Datei? Bitte in einem Satz.
  2. 02Wie oft? Täglich, wöchentlich, zum Monatsabschluss, einmal im Jahr?
  3. 03Wie lange dauert der Vorgang, wenn nichts dazwischenkommt?
  4. 04Woher kommen die Zahlen darin? Abgetippt, exportiert, aus einer Mail kopiert?
  5. 05Wo gehen die Ergebnisse hin? Wer bekommt sie, in welcher Form?
  6. 06Wer hat das gebaut, und arbeitet die Person noch hier?
  7. 07Wer außer Ihnen kann es bedienen?
  8. 08Was passiert, wenn Sie zwei Wochen ausfallen?
  9. 09Was passiert, wenn die Datei morgen weg ist? Wie lange bis zum Ersatz?
  10. 10Welche Regel steckt darin, die sonst nirgends steht?
  11. 11Was müsste ein Programm können, damit Sie die Datei freiwillig löschen?
  12. 12Was ärgert Sie daran am meisten?

Die beiden letzten Fragen sind die wichtigsten. Frage 11 verwandelt eine Beschwerde in eine Anforderung, die man aufschreiben kann. Frage 12 bringt regelmäßig den Hinweis, der in keiner Prozessdokumentation steht, weil er niemandem wichtig genug schien. Wie aus diesen Antworten ein Arbeitsstand wird, steht in Prozessanalyse vorbereiten.

Worauf Sie achten.

Sechs Befunde, bei denen die Aufnahme aufhört, eine Organisationsfrage zu sein, und zu einer Entscheidung der Geschäftsführung wird.

Nur eine Person kann es bedienen
Das ist kein Werkzeug, das ist ein Ausfallrisiko mit Urlaubsanspruch. Notieren Sie es getrennt und behandeln Sie es vorrangig.
Personenbezogene Daten auf offenem Laufwerk
Bewerbungen, Krankmeldungen, Leistungsdaten in einer Tabelle, auf die die halbe Firma Zugriff hat. Das ist ab dem Moment der Aufnahme ein bekanntes Problem und muss unabhängig vom Projekt geklärt werden.
Preis- und Kalkulationsregeln nur in einer Formel
Wenn die Marge in einer verschachtelten Formel steckt, die niemand mehr liest, kann sie niemand prüfen. Diese Regeln gehören dokumentiert, noch bevor entschieden ist, wohin sie wandern.
Zwei Listen für dieselbe Zahl
Zwei Quellen, zwei Werte, jede Besprechung beginnt mit der Klärung, welche gilt. Setzen Sie hier eine Quelle als gültig fest, bevor Sie irgendetwas entwickeln.
Dateinamen mit Versionsanhang
Eine Datei, die final_v7_neu heißt, hat keine Versionierung, sondern ein Gedächtnisproblem. Der Befund ist harmlos, der Hinweis darauf, wie oft die Datei sich ändert, ist es nicht.
Ein Dienst ohne Vertrag
Ein Cloud-Werkzeug, das jemand mit der Firmenmailadresse angelegt hat. Prüfen Sie, wem das Konto gehört und was darin liegt. Zum Eigentum an Software und Daten mehr im Beitrag dazu.

Zu den beiden letzten Punkten steht mehr in Eigentum an Software und Daten.

Bewerten statt verurteilen.

Am Ende bekommt jeder Eintrag genau ein Fach. Nicht zwei, nicht keins. Die Einteilung ist der eigentliche Ertrag der Aufnahme, denn sie sagt, was Geld kostet und was nicht.

01 / 04
Übernehmen
Fachlich richtig, technisch schlecht aufgehoben.
Der Vorgang ist nötig, die Regel darin stimmt, nur der Ort ist falsch. Das ist kein Aufräumfall, sondern eine Anforderung an das nächste System. Diese Fächer sind der Grund, warum die Inventur vor der Entwicklung steht und nicht danach.
02 / 04
Ersetzen
Das vorhandene System kann es, es wird nur nicht so benutzt.
Kommt häufiger vor als erwartet. Der Auswertungsbaustein ist lizenziert und nicht eingerichtet, das Feld existiert und ist nicht gepflegt. Hier hilft Konfiguration oder eine halbe Stunde Einweisung, keine Entwicklung. Wer das nicht trennt, bezahlt Software für ein Schulungsproblem.
03 / 04
Stehenlassen
Eine Person, einmal im Jahr, kein Risiko.
Nicht jede Tabelle muss verschwinden. Eine Datei, die einmal jährlich die Versicherungssummen zusammenrechnet, in einem System abzubilden kostet mehr, als sie je einspart. Stehenlassen ist eine zulässige Entscheidung, solange sie bewusst getroffen und notiert wird.
04 / 04
Abschalten
Niemand nutzt es mehr, oder es zählt dasselbe doppelt.
Der kleinste Stapel, aber der mit dem schnellsten Ertrag. Zwei Listen, die dieselbe Kennzahl führen und verschiedene Werte zeigen, kosten in jeder Besprechung Zeit. Abschalten heißt hier: eine der beiden wird zur gültigen erklärt, die andere wird archiviert und aus dem Zugriff genommen.

Wie viel davon am Ende in ein bestehendes System wandert und wie viel daneben entsteht, ist die Abwägung aus ERP ablösen oder ergänzen. Ob Sie dafür selbst bauen oder kaufen, steht in Make or Buy.

Was am Ende dasteht.

Eine Tabelle. Eine Zeile je Behelf, neun Spalten. Sie braucht kein besonderes Werkzeug und keine Freigabe, und sie ist der Eingang in jedes weitere Gespräch über Software.

Spalten

  • Bezeichnung
  • Ort und Pfad
  • Zweck in einem Satz
  • Bereich und Personen
  • Häufigkeit
  • Datenquelle
  • Empfänger des Ergebnisses
  • Risiko bei Ausfall
  • Fach

Diese Tabelle beantwortet drei Fragen, die sonst im Projekt teuer werden: Welche Regeln müssen mitwandern? Welche Daten müssen übernommen werden, und in welchem Zustand sind sie? Und wo hängt der Betrieb an einer einzelnen Person? Zur zweiten Frage steht mehr in Datenmigration.

Wann die Inventur sich nicht lohnt.

Wenn in den nächsten zwölf Monaten ohnehin kein System angefasst wird, ist das Ergebnis eine Liste, die veraltet, bevor sie gebraucht wird. Eine Bestandsaufnahme ohne anschließende Entscheidung erzeugt Erwartungen, die niemand einlöst, und beim nächsten Anlauf werden Sie die Fragen mit spürbar weniger Bereitschaft gestellt bekommen. Dann lieber später und dafür mit Auftrag dahinter.

Und wenn Sie an einem Standort mit wenigen Beschäftigten arbeiten, wo die Geschäftsführung jeden Arbeitsplatz kennt, brauchen Sie dieses Verfahren nicht. Ein Nachmittag, ein Blatt Papier und ein Rundgang liefern dasselbe. Das Verfahren zahlt sich dort aus, wo niemand mehr alle Arbeitsplätze überblickt.

Wenn Sie unsicher sind, ob Ihr Fall dazwischenliegt: Der ERP-Selbsttest fragt einen Teil davon ab, und unter Situationen steht, wie die üblichen Ausgangslagen aussehen.

Nächster Schritt

Wenn die Liste steht und Sie wissen wollen, was davon sich abbilden lässt und was Sie besser lassen: Schicken Sie mir die Spalten Zweck, Häufigkeit und Fach, dann bekommen Sie eine Einschätzung. Auch dann, wenn sie lautet, dass sich eine Eigenentwicklung hier nicht rechnet.

Häufige Fragen.

30 Minuten, dann wissen Sie, ob es passt.

Sie schildern Ihre Prozesse, ich sage Ihnen, ob und wo ich helfe. Auch wenn die Antwort Nein ist.